FRANCESCO MAZZOLA genannt PARMIGIANINO

(Parma 1503 – 1540)

wurde in eine Maler-Familie geboren. Allerdings stand er hauptsächlich unter dem Einfluss von Correggio, dessen Arbeiten zahlreich in seiner Heimatstadt zu bewundern waren. Der schon bekannte Correggio war mit Freskenmalerei in der Kirche San Giovanni Evangelista beauftragt und eine Mitarbeit des jungen Parmigianino ist hier belegt. Das Bedürfnis aus dem Schatten von Correggio herauszutreten und wohl auch ein gewisser Freiheitsdrang und der Wunsch der Enge seiner Heimatstadt zu entfliehen führten ihn nach Rom.

Mit sich führte er sein wahrscheinlich berühmtestes Bild, das „Selbstbildnis im konvexen Spiegel“, das von Vasari wie folgt beschrieben wurde: „Außerdem und um die ganze Tiefe der Kunst auszuloten, begann er eines Tages ein Selbstbildnis zu malen, wobei er sich in einem gewölbten Barbierspiegel betrachtete. Da sah er dann die von der Rundung des Spiegels hervorgerufenen Wunderlichkeiten und wie sich die Deckenbalken, Türen und Gebäude verbogen, die befremdlich zu fliehen schienen. Es überkam ihn der Wunsch alles ganz nach Lust und Laune neu zu gestalten Er ließ sich also eine hölzerne Kugel drechseln, die er dann entzwei teilte, wobei eine Hälfte genauso groß war wie der Spiegel und auf diese Halbkugel malte er dann in künstlerischer Meisterhaftigkeit alles, was er im Spiegel sah, vor allem aber sich selbst, und zwar so naturgetreu, wie man es sich gar nicht vorstellen oder glauben mag. Und da alle Dinge, die vorne im Spiegel waren, zu wachsen schienen und alles was im Hintergrund war, kleiner wurde, malte er seine Hand ein bißchen zu groß, so wie er sie eben im Spiegel sah, so schön, daß sie wie wirklich aussah. Und da Francesco von schönem Anschein war und ein anmutiges Antlitz hatte und eher den Engeln als den Menschen glich, schien sein Bildnis in dieser Kugel als wahrhaft göttlich.”

Dieses Schlüsselerlebnis schien sein Werk nachhaltig zu beeinflussen. Er zeigte seine Figuren in anatomisch veränderter Weise, indem er sie quasi verbog. Das ist ganz besonders gut zu sehen bei der „Madonna mit dem langen Hals“. Nicht nur ihr Hals ist lang, auch ihre Hand und besonders ihre Finger, auch die Gliedmaßen des Kindes sind unnatürlich lang und eigenartig verbogen. Dadurch wirken die beiden gleichsam unnatürlich und entrückt, als nicht von dieser Welt. Parmigianino respektiert selbstverständlich das Tabu, das bis in unsere Zeit zwar nicht gilt, aber gelten sollte, dass weder die Madonna noch Jesus nackt dargestellt werden durften. (An dieser Stelle sei angemerkt, dass es Michelangelo war, der dieses Tabu als Erster gebrochen hatte, als er seine Christusstatue für die römische Kirche Santa Maria sopra Minerva schuf, nackt, perfekt und überirdisch schön wie nur ein Gott sein kann. Es wurde ihm allerdings nicht gestattet und ein metallener Lendenschurz angebracht. Es war eben jenes Zeitalter, in dem die Künstler sich mehr an der Darstellung des nackten Körper begeisterten als in jedem anderen.)
Dennoch ist auch die „Madonna mit dem langen Hals“ ein erotisches Bild. Nicht die Muttergottes selbst übt den erotischen Reiz aus, sondern das junge Mädchen vorne links, das in das Bild hinein drängt und dabei, wie unabsichtlich, ihr nacktes Bein nach vorne schiebt. Obwohl sie ganz auf die Marienerscheinung konzentriert ist, hat diese Bewegung etwas Obszönes. Und gerade der scharfe Kontrast zwischen dem nackten Bein und der himmlischen Madonna verstärken die erotische Herausforderung.

Ähnlich wie bei seinem Lehrer und Vorbild Correggio, liegt auch bei Parmigianino der Grund warum wir seine Werke als erotisch empfinden in der Schönheit der Dargestellten. In seiner Studie zur Heiligen Katharina sehen wir kein Aktbild, sondern nur ein junges, schönes und besonders graziöses Mädchen, das sich ihrer Ausstrahlung aber schon ganz bewusst ist. Mit einem höchst koketten Augenaufschlag sieht sie jemanden an, der ihre Brüste berührt. Wahrscheinlich sind es Frauenhände, wir vermeinen auch langes Frauenhaar oder möglicherweise eine Haube in der rechten Bildhälfte wahrzunehmen – aber Genaues sieht man nicht. Das lässt unserer Phantasie weiten Spielraum, stimuliert unsere Vorstellungskräfte und bewirkt eine erotische Erregung. Es ist die Andeutung, das Unausgesprochene, das hier sexuell auf uns wirkt. Und auch die Neugier auf das Nicht-Gezeigte provoziert unsere Vorstellungskraft und lenkt unsere Gedanken in eine bestimmte und notwendigerweise erotische Richtung.

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