AUGUSTE RODIN

(Paris 1840 – 1917 Meudon)

Er entstammte einer konservativen Beamtenfamilie, wurde mit vierzehn Jahren Schüler der École des Arts Décoratifs, versuchte mehrmals vergeblich, als Student an der berühmten École nationale supérieure des beaux-arts de Paris aufgenommen zu werden und erfuhr ab etwa 1870 durch öffentliche Aufträge seine erste künstlerische Anerkennung. Nacktheit und Erotik sind die Bildthemen, die ihn immer wieder zu Darstellungen mit unterschiedlichsten Auslegungen inspirierten. Es ging Rodin vor allem um die drastische Darstellung des nackten Körpers in ungewohnten Perspektiven. 1882 lernt er die nicht einmal 18-jährige Camille Claudel kennen, deren Talent als Bildhauerin er sofort wahrnahm. Daraus entstand eine mehr als zehn Jahre dauernde, fruchtbare und enge Zusammenarbeit und eine leidenschaftliche Liebe zum Modell, zur Gehilfin, zur Muse und zur Geliebten.

In dieser Zeit entstand „Das ewige Idol“ (s. links) – „Und ewig lockt das Weib“, Mann, eine Frau anbetend, zeigt diesen Wunsch, Liebe, Sinnlichkeit und Leidenschaft auszudrücken, das sein Schaffen durchzieht. Hier thematisiert Rodin die männliche Anbetung der Frau und die Dominanz der Frau über den Mann. Abhängigkeit und Respekt sprechen aus der devoten Haltung des Mannes, während die vertikal ausgerichtete Körperlinie der Frau ihre Ablehnung unterstreicht. Für diese Plastik hatte Rodin zunächst den Titel „Das Opfer“ vorgesehen.

Sexualität und Erotik entstehen aus dem Magnetismus der gegenseitigen sexuellen Anziehung, wenn also ein magnetisches Feld zwischen einem Plus- und einem Minus-Pol fließt. Verschiedene Lehren des Ostens anerkennen die Kräfte des Himmels und der Erde als die zwei fundamentalen Prinzipien, die alles durchdringen und deshalb auch in der erotischen Anziehung wirksam sind. Das im Westen bekannteste Konzept ist das aus dem chinesischen Taoismus stammende Konzept von Yin und Yang. Nach dieser Vorstellung bestimmt die Kraft des Himmels (Yang) die Struktur des männlichen Geschlechtsorgans und die Kraft der Erde (Yin) die Form des weiblichen Geschlechtsorgans. Dementsprechend ist die Potenz des Mannes eine nach außen dringende, gebende und manifestierende Kraft, die sich in der Erektion des Penis sichtbar ausdrückt. Die Potenz der Frau hingegen ist eine empfangende und aufnehmende Anziehungskraft, die sich in der aufnahmebereiten Vagina ausdrückt. Genauso wie bereits die Geschlechtsteile die polare Kraft des Weiblichen und des Männlichen zeigen, so zeigen auch die männlichen und weiblichen Körper eine Ergänzung. Während der weibliche Körper zu schön gerundeten Formen neigt, sind beim kräftigen männlichen Körper eckigere Formen vorherrschend. Diese sichtbaren Merkmale versinnbildlichen die Unterschiede zwischen der weiblichen und männlichen Energie. Eine der perfektesten Darstellungen der Verschiedenartigkeit des weiblichen und des männlichen Körpers zeigt „Der Kuss“ von Rodin (s. unten).


Mit dieser grandiosen Skulptur gestaltet er das Verlangen nach Berührung der beiden Liebenden, das sich vor allem in den expressiv gewölbten Körpern ausdrückt und den Augenblick der Verzückung, in dem sie in einer leidenschaftlichen Umarmung zueinander finden.

Rund tausend der gesamten Zeichnungen Rodins werden eindeutig als erotisch bezeichnet. Sie alle stellen Erotik und Sinnlichkeit in den Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens und widerspiegeln die spontanste und freieste Bewegung und Haltung seiner damaligen lebenden Modelle, die nicht einfach bewegungslos vor ihm posierten. Denn bei den Modellen handelte es sich nicht um verführerische Traumfrauen aus der Mythologie, sondern um laszive Nackte, die mit ihren sich spreizenden Schenkeln den unmittelbaren Ausdruck für Erotik dokumentierten.

Diese Werke beinhalten alle das gleiche Thema: den weiblichen Akt in seiner ganzen künstlerischen Auseinandersetzung. Die mit sparsamsten Mitteln entstandenen Skizzen, Studien und Kopien verfügen über eine dominante erotische Ausdruckskraft und durften um 1900 als recht kühn angesehen werden.

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